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ifp-Studie zu Verantwortung: Führungskräfte als Haltgeber und Sinnvermittler in ungewissen Zeiten

Unsere qualitative Studie in Zusammenarbeit mit dem rheingold Institut zeigt kulturellen Wandel zwischen Generationen – mit Folgen für Führung und Arbeitswelt.

Verantwortung gilt als eine der wichtigsten Voraussetzungen für das Funktionieren von Gesellschaft, Politik und Wirtschaft. Gleichzeitig entsteht heute oft der Eindruck, dass insbesondere jüngere Menschen weniger bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.

Doch stimmt dieser Eindruck? Was bedeutet Verantwortung heute eigentlich noch? Und wie erleben Menschen Verantwortung in einer Zeit, die von Krisen, Unsicherheit und wachsendem Veränderungsdruck geprägt ist?

Um diese Fragen zu beantworten und die Bedeutung von Verantwortung für Führung, Arbeitswelt und gesellschaftlichen Zusammenhalt psychologisch besser zu verstehen, haben wir gemeinsam mit dem rheingold Institut eine qualitative Studie durchgeführt.

„Verantwortung ist für uns kein abstrakter Begriff, sondern tägliches Geschäft. Denn wir besetzen Positionen, an denen die Zukunft von Unternehmen entschieden wird. Zugleich erleben wir eine Gesellschaft und Wirtschaft im Veränderungsstau. Der Wille zum Wandel ist da – die Frage nach der Verantwortung bleibt“, sagt Dr. Marc Stapp, geschäftsführender Gesellschafter des ifp. „Aus dieser Beobachtung heraus haben wir die Studie initiiert. Denn wir wollten verstehen, was Verantwortung heute bedeutet und welche Anforderungen sich daraus für Führung ergeben.“

Die Arbeitswelt wird zum stabilen Verantwortungsraum

Die Studie zeigt: Während gesellschaftliche Zusammenhänge häufig als unübersichtlich erlebt werden, bietet Arbeit vielen Menschen noch klare Rollen, Erwartungen und Zuständigkeiten. So wird die Arbeitswelt, obwohl selbst stark von Umbrüchen betroffen, zu einer der letzten Stabilitätsinseln in einer unsicher gewordenen Gesellschaft.

„Die Arbeit ist in der Gegenwartskultur eine der letzten Zufluchtsstätten, in der Verantwortung gelingen kann“, sagt Studienleiterin Judith Barbolini vom rheingold Institut. Viele Befragte beschreiben Arbeit als einen Raum, in dem sie Selbstwirksamkeit, Orientierung und Anerkennung erfahren. Damit übernehmen Unternehmen zunehmend stabilisierende Funktionen.

Führung wird damit mehr denn je zu einer Beziehungsaufgabe, in der sich das Verhältnis der Akteure jedoch gerade neu sortiert. “In Executive Search und Management Diagnostik beschäftigen wir uns täglich damit, Menschen in Verantwortung zu bringen oder einzuschätzen, ob jemand für eine verantwortungsvolle Rolle geeignet ist”, sagt Britta Wöhrmann, Gesellschafterin beim ifp im Bereich Executive Search. “Man könnte sagen, Verantwortung ist die Währung, mit der wir handeln. Es betrifft den Kern unserer Arbeit, Verantwortung in die richtigen Hände zu geben.”

Neues Verständnis von Verantwortung – Jüngere wollen gemeinschaftlichen Prozess

Die Studie identifiziert einen grundlegenden kulturellen Wandel im Verständnis von Verantwortung. Ältere Generationen verbinden Verantwortung häufig mit Leistung, Kontrolle und persönlichem Einsatz. Verantwortung bedeutet für sie, das Steuer zu übernehmen, Entscheidungen zu treffen und auch unter schwierigen Bedingungen verlässlich zu bleiben.

Jüngere Generationen verstehen Verantwortung dagegen stärker als gemeinschaftlichen Prozess. Für sie stehen Sinn, Zugehörigkeit, Orientierung, Dialog und ein respektvoller Umgang miteinander stärker im Vordergrund. Verantwortung wird als Möglichkeit verstanden, gemeinsam etwas zu gestalten.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass wir uns derzeit in einer Übergangsphase zwischen zwei Verantwortungskulturen befinden. Das traditionelle Verständnis von Verantwortung, das eng mit Status, Macht und persönlicher Konsequenz verknüpft ist, verliert zunehmend an Bindungskraft. Gleichzeitig gewinnt ein neues Verständnis an Bedeutung, das stärker von Sinn, Gemeinschaft und Resonanz geprägt ist – ohne sich bislang vollständig etabliert zu haben.

 

Hürden vor der Verantwortungsübernahme: Kritik aushalten und Scheitern riskieren

Dadurch entsteht oft ein Verantwortungs-Vakuum. Einerseits ist der Wunsch nach Selbstwirksamkeit groß. Andererseits fällt es vielen schwerer, die belastenden Seiten von Verantwortung zu tragen: unbequeme Entscheidungen zu treffen, Kritik auszuhalten oder Scheitern zu riskieren. Verstärkt wird dies durch eine gesellschaftliche Kultur, in der Fehler immer schneller moralisch bewertet und öffentlich sanktioniert werden.

Die technologische Transformation verschärft dieses Spannungsfeld zusätzlich. Künstliche Intelligenz, Automatisierung und neue Berufsbilder eröffnen neue Möglichkeiten, stellen aber zugleich etablierte Zukunftserzählungen infrage. Welche Fähigkeiten werden gebraucht? Welche Entscheidungen sind langfristig tragfähig? Gerade jüngere Menschen erleben diesen Mangel an gemeinsamen Zukunfts-Narrativen als Verunsicherung, da immer weniger greifbar ist, warum sich Verantwortung lohnt.

“Wir arbeiten beim ifp quasi direkt am Herzen der Organisation: Denn es ist an den Führungskräften, genau diese Verantwortung, die jetzt auf die Unternehmen übertragen wurde, wahrzunehmen, umzusetzen und unmittelbar in die Unternehmenskultur zu übersetzen”, sagt apl. Prof. Dr. Philipp Schäpers, Geschäftsführer Management Diagnostik im ifp.

Gefahr der Erschöpfung

Die Interviews zeigen Menschen, die bereits sehr viel Verantwortung tragen und zunehmend an ihre Belastungsgrenzen geraten. Besonders deutlich wird dies bei den 30- bis 45-Jährigen. Sie jonglieren Beruf, Familie, Selbstoptimierung, finanzielle Absicherung und Zukunftsplanung gleichzeitig. Viele befinden sich nach Einschätzung der Forschenden mitten in einem Verantwortungssturm.

Der Alltag dieser Generation ist häufig stark durchgetaktet. Berufliche Anforderungen, Kinderbetreuung, private Verpflichtungen, gesundheitliche Selbstoptimierung und der Wunsch nach persönlicher Entwicklung konkurrieren miteinander. Verantwortung wird dadurch nicht nur zur sinnstiftenden Aufgabe, sondern auch zur dauerhaften Belastung. Viele Menschen hätten das Gefühl, ständig funktionieren zu müssen, ohne sicher zu sein, ob ihr Engagement überhaupt Wirkung entfalte.

Auch für Unternehmen entsteht daraus ein Risiko. Wird Verantwortung immer weiter verdichtet, ohne dass Menschen Anerkennung, Gestaltungsspielräume und Unterstützung erfahren, drohen Rückzug, Zynismus oder innere Kündigung. Verantwortung braucht daher auch Ressourcen: Zeit, Vertrauen, klare Strukturen, Fehlertoleranz und die Möglichkeit, Wirkung zu erleben.

Junge Generationen kalkulieren Verantwortung anders

Die Studie widerspricht dem Eindruck, junge Menschen seien grundsätzlich weniger bereit, Verantwortung zu übernehmen. Vielmehr zeigt sich: Jüngere Generationen kalkulieren Verantwortung anders.

Gen Alpha und Gen Z erleben eine Welt maximaler Möglichkeiten bei minimaler Gewissheit. Social Media, Künstliche Intelligenz und permanente technologische Veränderung erfordern Flexibilität und hohe Anpassungsfähigkeit. Gleichzeitig fehlen stabile Bilder davon, wie eine sichere und erstrebenswerte Zukunft aussehen kann.

Psychologisch handelt es sich um eine Reaktion auf den erlebten Bruch des Wohlstandsversprechens. Viele junge Menschen sind in einer Welt aufgewachsen, in der ihnen große Möglichkeiten vermittelt wurden. Wenn sie nun selbst Verantwortung übernehmen sollen, treffen sie auf Krisen, Unsicherheit, steigende Kosten, marode Systeme und diffuse Zukunftsaussichten.

Die klassische Logik „erst anstrengen, später lohnt es sich“ verliert dadurch an Glaubwürdigkeit. Langfristige Bildungs- und Karrierewege erscheinen vielen jungen Menschen riskant, unsicher oder zu spät wirksam. Verantwortung wird deshalb stärker auf unmittelbare Sicherheit, konkrete Sinnhaftigkeit und klare Rahmenbedingungen hin geprüft.

Attraktiv werden Berufe und Institutionen mit verlässlichen Strukturen, etwa der öffentliche Dienst, das Handwerk oder die Bundeswehr. Sie bieten Orientierung, feste Spielregeln und die Erfahrung, Teil eines größeren Ganzen zu sein.

Verantwortung braucht Resonanz – Erwartungen an Führungskräfte und Arbeitgeber

Eine extrem wichtige Erfahrung, denn Verantwortung braucht zwingend ein Gegenüber. Menschen, Beziehung, Dialog: Verantwortung ist ein Resonanzraum, aus dem für das eigene Leben etwas zurückkommen muss.

Dazu braucht es Fehlertoleranz, klare Strukturen und ausreichende Ressourcen. Verantwortung braucht Räume, in denen Menschen sich ausprobieren können, in denen Fehler nicht sofort zu Schuld werden und in denen ein gemeinsames Zukunftsbild Orientierung bietet.

Von Arbeitgebern wird heute also deutlich mehr erwartet als Gehalt und Karriereperspektiven. Unternehmen stehen vor der Herausforderung, unter schwierigen Bedingungen Menschen einen stabilen Rahmen zu bieten und gleichzeitig stärker als bisher an gemeinsamen Zukunftsbildern mitzuwirken. Für Unternehmen bedeutet das: Der Übergang zwischen unterschiedlichen Verantwortungskulturen muss aktiv moderiert werden. Führungskräfte müssen klare Strukturen geben, Dialog ermöglichen und Zukunftsbilder vermitteln, für die sich Engagement lohnt.

Hier finden Sie das PDF zur Studie